LERAY.
«Ich bin ein Mensch, der eine Bühne braucht»

Mijo Wahli

PorträtPubliziert in:Bieler Tagblatt · ajour.ch·

«Ich bin ein Mensch, der eine Bühne braucht»

Mit der Kanalisation hat es angefangen, mit einem Kanton aufgehört: Nach zehn Jahren als Berner Regierungsrat tritt Christoph Ammann (SP) ab. Ein Porträt über Bühnen und Bedeutungslosigkeit.

Am dritten Samstag im März werden in Twann die Rebstöcke geschnitten. SP-Regierungsrat Christoph Amman sitzt in hellblauem Hemd, Khaki-Ledersteppjacke und Jeans auf einer Festbank und lacht: «Ich habe zu Hause auch Reben gehabt, 20 Jahre lang, aber sie immer falsch geschnitten, wie ich jetzt merke.»

Die Rebstockschneidpflicht ist ein Abschiedsgeschenk der Bielersee-Winzerinnen und Winzer, das Ammann vergangenes Jahr bei der Auszeichnung des «Berner Wein des Jahres» erhalten hat. Das gehört zum Job als kantonaler Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektor. Doch damit ist nun Schluss. Ammann gibt den Posten als Regierungsrat per Ende Mai ab.

Zehn Jahre lang fuhr er jeden Tag die 84 Kilometer von Bern wieder nach Hause, nach Meiringen: «Dort hatte ich Familie und Freundschaften. Eine andere Welt, in der ich in Jeans herumlaufen konnte, ohne dass die Leute geschaut haben.» Er zieht an seiner E-Zigarette. «Ich war noch immer der Christoph, der im Verein gschuttet hat.» Der Titel Regierungsrat kam obendrauf, «aber das hat die Leute da nicht wirklich interessiert.»

Es begann mit Scheisse

Wer Christoph Ammann verstehen will, muss in Meiringen anfangen. Genauer: In der dortigen Kanalisation. Der junge Ammann engagierte sich in der Tiefbaukommission und war dort zuständig fürs Abwasser. Stundenlang sah er sich die Aufnahmen eines Roboters an, der mit einer Kamera durchs Kanalisationssystem fuhr. Man suchte Risse. Zu sehen gab es vor allem eines: «Scheisse», sagt Ammann und lacht. «Meine politische Karriere hat also eigentlich mit Scheisse begonnen.»

Erstmals richtig politisiert hat ihn 1991 die Stop-FA-18-Initiative. An Gemeindeversammlungen merkte er dann, dass Gemeindepolitik noch mehr betrifft als Kampfjets und nationale Fragen – im Dorf wird entschieden, ob lokale Angebote existieren und in welcher Qualität. Also stieg er ein: Tiefbaukommission, Gemeinderat, Gemeindepräsident.

« Sehr früh und sehr jung wurde ich ins kalte Wasser geworfen. »

Christoph Ammann

Krisen haben ihn angezogen, sagt er. Kaum im Amt als Gemeindepräsident, kam der Lawinenwinter 1999. Meiringen war eingeschneit und abgeschottet, Dacheinstürze drohten, es gab Lebensmittelknappheit wie während Covid. Das Hochwasser 2005 setzte dann den Schlusspunkt unter seine Zeit als Gemeindepräsident. «Sehr früh und sehr jung wurde ich ins kalte Wasser geworfen», lautet Ammanns Zusammenfassung.

In dieser Zeit lernte er das Handwerk des Entscheidens – und dass man ohne Rechtsgrundlage nichts machen kann, dass man Mehrheiten benötigt und Leute überzeugen muss. Den dafür nötigen Auftritt lernte er als Lehrer und Rektor am Gymnasium in Interlaken. «Gymer-Schüler schauen sehr genau, was ein Lehrer sagt und wie er es sagt. Da ist man schnell abgeschrieben, wenn man zu langweilig daherkommt.»

Ein überraschender Anruf

2006 wurde Amman in den Grossen Rat gewählt, 2015 hatte er innerlich mit der Politik abgeschlossen und sprach mit seiner Frau über einen Neuanfang. Dann rief der damalige Regierungsrat Andreas Rickenbacher an: «Einfach dass du es als Erster weisst: Ich höre auf im 2016, überleg dir das.» Ammann winkte ab – er sei nicht in den Startlöchern, kaum bekannt, nicht einmal in der eigenen Partei. Doch weil es Ersatzwahlen waren und die grossen Namen des nationalen Parlaments absagten, blieb er übrig. «Ich habe mir gesagt: Ich habe nichts zu verlieren.» 2016 wählte ihn die Berner Bevölkerung mit 6000 Stimmen Vorsprung auf den SVP-Mann Lars Guggisberg.

Vor dem Amtsantritt bat er Rickenbacher um drei Ratschläge. Der erste: nicht zu viel essen. Ammann schmunzelt. «Er hatte recht.» Der zweite: Warte nicht zu lange mit Entscheiden. Sie werden nicht besser, je länger man wartet. Und, drittens: Hör auf den Bauch, bevor du entscheidest. «Ich bin immer Kopfmensch», sagt Ammann. «Aber wenn etwas im Bauch nicht stimmt, drehe ich noch eine Runde.»

Schon beim Amtsantritt war Ammans Plan: zehn Jahre, dann Schluss. «Man wird nicht träge, und wenn man die Sache gut macht, trauern einem die Leute noch ein wenig hinterher.» Seine Sache gut zu machen, das zeigt sich in konkreten Momenten. Wenn am Ende eines langen Prozesses ein Beschluss steht und er sagen kann: «Jetzt ist das fix» – das mag er. Und wenn nach 30 Sitzungen ein 100-Millionen-Franken-Darlehen von Hansjörg Wyss für eine Wyss Academy steht, «dann hat es sich einfach gelohnt.»

«Ich habe lange nicht zugelassen, darüber nachzudenken, was dieser Rücktritt bedeutet»Foto: Mijo Wahli

Manchmal blieb bei Entscheiden aber keine Zeit für lange Prozesse, Stichwort Pandemie: Massnahmen ohne Gewissheit, ob sie wirken, Lockerungen ohne Gewissheit, ob man sie verantworten kann. «Diese Gratwanderung war extrem anspruchsvoll.» Nach dem ersten Lockdown, als erstmals Zeit blieb, zurückzuschauen, zog er Bilanz. «Ich habe heute noch den Eindruck, dass wir das eigentlich nicht schlecht gemacht haben.»

Auch Niederlagen gehören dazu. Die Konzessionsstrategie für Wasserkraft wurde vom Parlament zurückgewiesen. Das Energiegesetz scheiterte im ersten Anlauf an der Urne. «Enttäuscht muss man sein, sonst nimmt man die Sache nicht ernst.» Doch dann müsse man «möglichst schnell und mit viel Energie wieder das Beste aus der Situation machen.» Eine Niederlage, mit der er heute noch hadert? Gebe es nicht.

Hadern tut Ammann aber mit den Dingen, die er mit dem Rücktritt zurücklässt. «Ich habe lange nicht zugelassen, darüber nachzudenken, was dieser Rücktritt bedeutet. Weil es wehtut.» Er habe Personen im engsten Zirkel gehabt, mit denen er zehn Jahre zusammengearbeitet hätte, im Generalsekretariat, Regierungsmitglieder oder auch Personen aus der Wirtschaft. «Das war manchmal mehr als nur ein professionelles Arbeiten, da entstanden Freundschaften.» Diese Beziehungen seien nun weg.

Kein letzter Vorhang

«Ich bin ein Mensch, der eine Bühne braucht», sagt er. «Und wenn man mal auf einer Bühne steht, die ein ganzer Kanton ist …» Langes Schweigen. «Und ein Echo oder bisweilen ein Applaus kommt … Das tut gut, das mag ich.» Er habe viele Regierungsräte gehen sehen, und danach komme keine Anfrage von der Zeitung mehr, kein Fernsehen. «Da geht man in die Bedeutungslosigkeit.» Die Bühne ist weg.

Angst mache ihm das nicht. Aber er wisse, dass er wieder eine brauchen werde. Es könne auch eine kleine sein, ein Verwaltungsrat, eine Organisation oder ein Ehrenamt.

Und wenn Andreas Rickenbacher heute nochmals anrufen würde … Sofort sagt er: «Ja, ich würde es auf jeden Fall wieder machen.» Er habe in Unternehmen von klein bis gross hineingesehen, spannende Menschen kennengelernt und Teile der Schweiz entdeckt, die ihm sonst verborgen geblieben wären. «Wer gerne führt und nach den Regeln einer Demokratie arbeitet, für den ist es ein Traumjob.»

Ende Mai wird er zum letzten Mal das Büro in Bern verlassen. Wie es weitergeht? «Ich weiss es nicht. Wirklich nicht.» Er amtet noch als Vizepräsident des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank. Und ein kleines Mandat wird folgen, zu dem er noch nichts sagen will. «Aber sonst habe ich ganz bewusst nichts.» Sein Plan: Augen offen halten. Und wenn er das Gefühl habe, es lohne sich, irgendwo genauer hinzuschauen, dann werde er das tun.