
Nik Egger
«Ich bringe euch alle um»
Eine Bieler Familie wird seit Wochen von einem Nachbarn terrorisiert. Todesdrohungen, Vandalismus und Stalking sind Alltag. Währenddessen spielen Polizei und Verwaltung Ping-Pong mit der Verantwortung.
S. Shabani* kann nicht mehr schlafen. Seit zwei Wochen lebt die Bieler Mutter mit ihrer sechsjährigen Tochter in ständiger Angst. Der Grund: Ihr Nachbar bedroht sie täglich mit dem Tod, beschmiert ihr Auto, blockiert ihre Ausfahrt und stellt selbst gebastelte Gräber in ihren Garten. «Ich bringe dich um, zuerst deine Katzen, dann deinen Mann und dann deine Tochter. Dich lasse ich im Leid leben», ist nur eine der Drohungen, die der Mann ausspricht.
Aus dem Nichts
Alles begann am 23. August, als Shabani am Morgen einen fremden Mann in ihrem Garten antraf. «Er sass da, ass Katzenfutter und rauchte einen Joint», erinnert sich die Frau. Weil sie unter Zeitdruck stand, ging sie zunächst weg. Später entdeckte ihre sechsjährige Tochter den Mann – und bekam solche Angst, dass sie zu weinen begann und ihren noch schlafenden Vater weckte.
Der Ehemann bat den Fremden höflich, zu gehen. Doch dieser weigerte sich, wurde laut und aggressiv. Schliesslich begleitete ihn Shabanis Mann aus dem Garten. Als sie eine Stunde später nach Hause kam, rannte der Mann auf sie zu und beschuldigte ihren Ehemann, ihn zusammengeschlagen und sein Handy sowie seine Wohnung zerstört zu haben. «Er behauptete, dass ein Schaden von 50’000 Franken entstanden sei», erzählt Shabani.
Der Mann wohnt im Studio eines Nachbargebäudes – dieses Studio stand vorher laut Shabani vier Jahre leer, der Mann sei aus dem Nichts aufgetaucht. Shabani: «Wir haben dort seit Jahren niemanden gesehen.»
Polizei vs. Verwaltung
Da Shabani dachte, dass ihr Mann das Handy des Nachbarn beim Zwischenfall zerstört hatte, kaufte sie ihm einen Ersatz. Doch der Nachbar war unzufrieden, gab die beschmierte Handyverpackung zurück mit der Aufschrift: «Warnung! Heute 18 Uhr S24 neu, kein Kindertelefon». Darauf waren Kreuze und Gräber gezeichnet.
Die Situation eskalierte weiter. Der Mann stellte selbst gebastelte Gräber in den Garten der Familie, schrieb täglich Briefe mit Drohungen und beschmierte den Boden vor der Haustüre mit Schimpfwörtern wie «Sau!» und «Fuck you!».
Verzweifelt wandte sich Shabani mehrmals persönlich und telefonisch an die Polizei. Doch diese verwies sie an die Hausverwaltung. «Und sie gaben mir den Rat, umzuziehen», berichtet die Frau. Die Verwaltung wiederum schickte sie zurück zur Polizei, sowieso sei die zuständige Person in den Ferien.
Auf Anfrage von ajour gibt sich die Verwaltung Esca Immobilien mit Sitz in Zürich, die über die Wohnungen von Shabani und ihrem Nachbar waltet, schweigsam: In Absprache mit der Polizei wolle sie «zum Schutz der Mieter» auf eine Stellungnahme verzichten.
Das Ping-Pong-Spiel geht zwei Wochen so weiter. «Jedes Mal höre ich dasselbe: Die Verwaltung ist zuständig, der Steuerzahler will nicht für Nachbarschaftskrach zahlen», erzählt Shabani frustriert. Nur einmal, als der Mann sie eines Morgens mit seinem Auto blockierte und am Wegfahren hinderte, erschien die Polizei vor Ort. Ohne weitere Folgen.
Versuchtes Überfahren
Die Polizei kann zum konkreten Fall keine Stellung nehmen, teilt aber schriftlich mit: «Generell ergibt sich das polizeiliche Vorgehen beispielsweise gestützt auf die eingegangene Meldung und ist jeweils immer vom Einzelfall abhängig.» Bei den Delikten Sachbeschädigung und Drohung handle es sich meistens um Antragsdelikte. Dies bedeutet, «dass wir erst tätig werden können, wenn eine entsprechende Anzeige vorliegt».
Nachdem Shabani ein weiteres Mal den Polizeiposten besuchte und nur auf Androhung, aus Angst die Nacht dort zu verbringen, ein Gespräch erhielt, bestätigte ein Polizist ihren Eindruck: «Sie sagten mir, dieser Mensch sei krank und brauche seine Medizin. Er brauche keine Busse, sondern Medikamente.» Die Polizei brachte den Mann laut Shabani ins Spital – doch dieses liess ihn bereits nach kurzer Zeit wieder nach Hause.
Es ging weiter: «Er steht vor meinem Küchenfenster, schreit mich an, bedroht mich, dass er mich umbringen würde. Ich solle nie mehr raus, sonst überfahre er mich, sagt er», beschreibt Shabani ihren Alltag. Vergangenen Mittwoch folgte der Drohung die Tat: «Er sass im Auto, gab Gas und wollte meine Tochter und mich überfahren.»
Letztere ist für Shabani die Haupt-Leidtragende: «Sie ist ständig nur im Zimmer, Storen unten und Fenster zu, weil sie Angst hat», erzählt die Mutter. «Früher hat sie immer im Garten gespielt.» Das Kind schläft kaum noch, weint häufig und muss mit dem Auto in den Kindergarten gebracht werden, weil es sich nicht mehr zu Fuss auf die Strasse traut.
« Ich fühle mich von der Polizei überhaupt nicht ernst genommen. »
— S. Shabani
Ein anderer Mieter hat Shabani empfohlen, einen Brief an die Verwaltung zu verfassen, den alle Mieter unterschreiben würden – denn alle würden wissen, dass der Mann psychische Probleme habe. Sein Verhalten sei im ganzen Gebäude bekannt, bedroht wird aber nur Shabanis Familie.
«Ich versuche stark zu bleiben, damit meine Tochter nicht merkt, dass auch ich Angst habe. Ich sage ihr, die Polizei schaut schon, aber sie merkt, dass keine Polizei da ist», sagt Shabani mit belegter Stimme.
Zwei Gesichter
Der mutmassliche Täter, der angibt, zu einer «Mafiafamilie» zu gehören, zeigt laut Shabani zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten: «Er kann blitzschnell seinen Gesichtsausdruck, seine Stimme ändern. Innert Sekunden vom Engel zum Teufel.» Sie ist überzeugt, dass er in seiner eigenen Welt lebt und dringend professionelle Hilfe benötigt. «Er ist die ganze Nacht wach, fährt mit dem Auto hin und her.»
Mit dem Nachbarn selbst konnte das Bieler Tagblatt, trotz Versuchen, keinen Kontakt herstellen.
Shabani, die seit 20 Jahren in der Wohnung lebt, hat mittlerweile begonnen, nach neuen Bleiben zu suchen. Wollen tut sie das zwar nicht, aber: «Ich bin in meiner eigenen Wohnung gefangen. Selbst meine Katzen gehen nicht mehr raus, seit das Geschrei angefangen hat.» Ihr Mann muss vor der Tochter das Haus verlassen, um zu kontrollieren, ob die Luft rein ist.
Mittlerweile hat sich Shabani an die Opferhilfe gewandt, die ihr im Verlauf der nächsten Tage einen Anwalt zur Verfügung stellt. «Ich habe Albträume, ich träume von ihm. Ich bin mit der Kraft am Ende», sagt sie. «Ich fühle mich von der Polizei überhaupt nicht ernst genommen. Ich fühle mich von allen im Stich gelassen», fasst Shabani ihre Lage zusammen.
Am Montag hat Shabani Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht: «Ich habe ihr Bilder von allen Beweisen geschickt, das war ein dickes Couvert.» Sie hofft, dass die täglichen Drohungen bald ein Ende finden, damit sie und ihre Tochter wieder ruhig schlafen können.
*Name geändert