LERAY.
Kampf ohne Chance

Nik Egger

ReportageBieler Tagblatt·

Kampf ohne Chance

Seit Jahren schläft die Bielerin Eva Fink schlecht. Vor ihrem Fenster wohnen Dutzende lautstarke Krähen. Die Stadt kann nicht helfen, und eine eigene Lösung hat ihr eine Anzeige eingebracht.

Eva Fink* macht gerade eine schräge Zeit durch. Im September 2025 kaufte die 73-jährige Rentnerin auf einem Flohmarkt im Deutschen Weil am Rhein für 20 Euro einen Laserpointer, um die Krähen vor ihrer Wohnung an der Bieler Hans-Hugi-Strasse zu verscheuchen. Die Idee dazu hatte sie vom Wildhüter. Vom Sofa aus leuchtete sie damit in die Baumkronen, und tatsächlich: Die Krähen flogen weg. «Ich habe ihnen nie in die Augen gezündet», sagt sie. «Nur auf den Bauch oder die Füsse – das mögen sie gar nicht.»

Zweimal aber traf der Strahl versehentlich die Wohnung des Nachbarn gegenüber. Der zeigte sie an. Zwei Polizisten erschienen bei Fink und nahmen den Laserpointer mit. Denn was sie nicht wusste: Lasergeräte dieser Klasse sind in der Schweiz verboten. Anfang Mai erhielt Fink einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland: 1600 Franken, bedingt, Probezeit zwei Jahre, plus eine sofort fällige Verbindungsbusse von 400 Franken und Administrationsgebühren. Die Dokumente liegen dieser Redaktion vor. «Stellen Sie sich das mal vor, ich bin 73 Jahre alt und vorbestraft», sagt sie fassungslos. «Wegen Krähen.» Ihren Namen will sie aus Angst vor weiteren Konsequenzen nicht in der Zeitung lesen.

Die Saatkrähen machen Eva Fink das Leben schwer.Foto: Nik Egger

«Ich bin doch nicht blöd»

Vor Finks Wohnung stehen vier Bäume, zwei Platanen und zwei Silberahorne. Sie reichen sechs Stockwerke hoch. Von Februar bis in den Herbst sind sie dicht bevölkert von Saatkrähen, in der Brutzeit zählte Fink nach eigenen Angaben 15 Nester. Die Krähen krächzen von halb sechs Uhr morgens bis in den Abend und bringen Fink damit an den Rand der Verzweiflung. «Ich kann kein Fenster mehr öffnen, kann nicht fernsehen, kann nicht schlafen», sagt sie. «Ich gehe gerne um sechs oder sieben Uhr ins Bett – aber das geht einfach nicht.»

Am Vormittag fliegen die Schwärme ab, abends kehren sie zurück. Im Frühling, wenn die Jungen im Nest betteln und die Eltern mit Nahrung anfliegen, wird es nach Finks Beschreibung zum Kabarett. «Jeden Tag das gleiche Riesenchaos, und niemand macht etwas.» Sieben Jahre lang habe sie versucht, Hilfe zu finden, beim Wildhüter, beim Förster und bei der Stadtgärtnerei. Immer habe man ihr erklärt, man könne nichts machen.

Dann empfahl ihr der Wildhüter eine Uhu-Attrappe. Kurz darauf schickte er ihr einen Flyer: Diese Attrappe werde in der Baumkrone platziert, eine Schnur hänge am Baum runter und lasse durch Ziehen die Flügel des Uhus wackeln. Das soll Krähen verscheuchen. Fink solle jeden Morgen und jeden Abend an dieser Schnur ziehen. Die 73-Jährige, die an einer Lungenerkrankung leidet, sagt dazu: «Ich bin doch nicht blöd.»

Überall im Geäst verteilt finden sich Krähennester.Foto: Nik Egger

Die Hans-Hugi-Strasse ist kein Einzelfall, aber ein bekannter Brennpunkt. «Von dort erhalten wir mehr Rückmeldungen als von anderen Orten», sagt Thomas Lüthi, Leiter der Dienststelle Stadtgärtnerei und Friedhöfe. Insgesamt gehen bei der Stadtgärtnerei pro Jahr zwei bis drei Beschwerden wegen Krähen ein. Neben der Hans-Hugi-Strasse gebe es noch eine knappe Handvoll weitere Brennpunkte in der Stadt, etwa im Stadtpark. Es ist ein Problem, mit dem Biel nicht allein ist. «Wenn man sich andere Städte anschaut, merkt man, dass sie mit den gleichen Herausforderungen kämpfen – und der gleichen Hilflosigkeit», sagt Lüthi. «Aber ich verstehe die Leute, die reklamieren. Da wird man halb wahnsinnig.»

Krähe auf dem Vormarsch

Wer Eva Finks Lage verstehen will, muss verstehen, mit welchem Tier sie es zu tun hat. Die Saatkrähe, um die es hier geht, unterscheidet sich von der weitaus häufigeren Rabenkrähe durch ihren unbefiederten, hellgrauen Schnabelgrund und ihr purpurn schimmerndes Gefieder. Sie brütet im Gegensatz zur Rabenkrähe nicht allein, sondern in Kolonien. Und das meist in regem akustischen Austausch mit ihren Artgenossen.

In der Schweiz brütete 1963 zum ersten Mal ein Saatkrähenpaar. Die Art breitete sich danach von Westen nach Osten aus, weshalb das Seeland zu den früh betroffenen Regionen gehörte. Bei Erhebungen des Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016 wurden noch 5800 bis 7300 Brutpaare gezählt. Bis 2023 hatte sich der Bestand laut der Schweizerischen Vogelwarte Sempbach auf über 10'000 Brutpaare erhöht.

Die Mehrheit der Schweizer Saatkrähen brüte heute in Städten, so die Vogelwarte weiter, bevorzugt in Alleen und Parkanlagen. Zur Nahrungssuche fliegen sie täglich bis zu elf Kilometer weit ins umliegende Landwirtschaftsgebiet; in der Stadt selbst suchen sie kaum nach Nahrung, dafür sind sie zu scheu. Die Städte bieten ihnen dafür ideale Nistbedingungen: keine natürlichen Feinde und geeignete Bäume.


Es nützt alles – aber nichts lange

Die Stadtgärtnerei hat versucht, Eva Fink zu helfen. Vor fünf Jahren wurden die Bäume an der Hans-Hugi-Strasse zurückgeschnitten, alte Nester entfernt und Astgabeln gekappt, in denen die Krähen ihre Nester anlegen. Ein Jahr lang war es besser. Dann schlug der Baum genau dort aus, wo man geschnitten hatte, und bildete noch mehr Astgabeln als zuvor, was dazu führte, dass noch mehr Krähen kamen. «Das war eher kontraproduktiv», räumt Lüthi ein. Man hätte weit drastischer eingreifen müssen, praktisch alle Äste kappen, was aber wiederum den Baum zerstört hätte. Also wurde der Versuch abgebrochen.

« Gegen Krähen nützen eigentlich viele Massnahmen, aber nie lange. »

Thomas Lüthi, Leiter Dienststelle Stadtgärtnerei und Friedhöfe

Dann die Uhu-Attrappen. Biel hat heute drei davon im Einsatz, an verschiedenen Standorten in der Stadt. Wirklich funktionieren tut eigentlich nur einer: Er hängt in der Nähe einer privaten Liegenschaft und die Schnur zum Betätigen der Flügel führt direkt in den Garten einer Privatperson, die mehrmals täglich daran zieht. Aber diskret, das ist die Bedingung für den Erfolg: die Krähen dürfen den Menschen nicht sehen, denn sie dürfen die Uhu-Bewegung nicht mit einer bestimmten Zeit oder Person verbinden. «Sie sind sehr intelligent und lernen das extrem schnell», sagt Lüthi.

Das Fazit der Stadtgärtnerei nach Jahren des Ausprobierens: «Gegen Krähen nützen eigentlich viele Massnahmen, aber nie lange.»

Ein Tier, das sich nicht austricksen lässt

Die Schweizerische Vogelwarte hat in ihren Merkblättern für Behörden und Anwohner zusammengestellt, was europaweit bereits versucht wurde: häufigerer Baumschnitt, Nester entfernen, Plastikdeckel auf Nester setzen, Krähenklatsche, Ballons, Glitzerstreifen, Abspielen von Angstschreien, Falkner oder Umsiedlung der gesamten Kolonie. Keines dieser Mittel hat nachhaltig funktioniert. Vergrämungsversuche führen laut Vogelwarte häufig dazu, dass die Kolonie sich aufteilt und an mehreren neuen Orten niederlässt.

Auch Laserpointer tauchen im Behördenmerkblatt als erprobte, aber problematische Methode auf. In mehreren französischen Städten habe der Einsatz funktioniert, in Bern hingegen nicht. «Es besteht ein grosses Verletzungsrisiko. Tierschützerisch ist der Einsatz von Laser nicht zu vertreten», hält die Vogelwarte fest.

Das kantonale Jagdinspektorat bestätigt auf Anfrage: Eine offizielle Empfehlung zum Einsatz von Laserpointern bestehe nicht. Man habe solche Methoden zwar getestet, aber mit langfristig sehr begrenztem Erfolg. Und: Bestimmte Lasergeräte sind in der Schweiz verboten. Auf den Vorwurf, dass ein Wildhüter Fink genau dieses Mittel empfohlen hat, geht das Jagdinspektorat nicht ein.

Überall das gleiche Problem

Dass viele Vergrämungsmassnahmen wirkungslos sind, weiss auch die Stadt Bern. Dort hat sich die Saatkrähenpopulation seit 2019 auf über 2000 Brutpaare verdoppelt. Stadtgrün Bern organisierte sogar einen nationalen Austausch mit 25 betroffenen Städten und Kantonen – ohne Ergebnis, wie die «Plattform J» berichtete. Alle erprobten Massnahmen hätten nichts Nachhaltiges bewirkt. Jede Vergrämung führe zur Zersplitterung: War vorher ein Baum betroffen, sind es danach drei.

In Thun, wo die Saatkrähen seit Ende der 90er-Jahre präsent sind, hat die Stadt nach rund 100'000 Franken für wirkungslose Massnahmen die Konsequenz gezogen: Man versucht nicht mehr, die Krähen zu vertreiben, sondern die Koexistenz zu organisieren. Etwa Klappbänke, die sich nach dem Aufstehen automatisch schliessen, schützen Sitzflächen vor Kot. Oder der Werkhof reinigt Hotspots häufiger.

Die Saatkrähe hat sich hierzulande seit den 2000er-Jahren stark vermehrt.Foto: Schweizerische Vogelwarte

Biel verfolgt denselben Weg. «Gesamtstädtisch gibt es keine andere Option als damit zu leben», sagt Lüthi. Man stehe in engem Austausch mit anderen Städten; sollte sich ein erfolgversprechendes Pilotprojekt zeigen, würde man es rasch prüfen. Bislang kam keine Schweizer Stadt zu einem anderen Schluss. Damit bleibt das ernüchternde Fazit: Im Kampf gegen die Vögel haben Städte kaum eine Chance.

Immerhin: Laut der Bieler Stadtgärtnerei dürfte sich die Population in der Stadt stabilisiert haben. «Irgendwann kommt eine Plafonierung, weil die Ressourcen nicht unendlich reichen», sagt Lüthi. In Biel sei das mittlerweile erreicht. Genaue Bestandszahlen hat er keine.

Ohne Lösung, mit Strafbefehl

Eva Fink wird die Krähen vor ihrer Wohnung nicht loswerden. Die Stadt kann nicht helfen, weil es funktionierende Mittel schlicht nicht gibt. Und der einzige eigene Versuch, den Fink unternommen hat, hat ihr eine happige Busse eingebracht.

Die Einvernahme durch die Polizei dauerte eine Stunde. Zwei Beamte mit Laptop, Drucker und Aktenstapel sassen an einem Sonntagnachmittag am Esstisch in ihrer Wohnung. Am Ende des Einvernahmeprotokolls zu ihrem illegalen Laserpointer wird Fink so zitiert: «Es tut mir leid, dass das so weit gegangen ist. Ich bin mir jetzt der Schuld bewusst. Aber sorry, das waren Fachleute vom Wald [Wildhüter, Anm. d. Red.], die mir sagten, dass das gehe und man das so machen könne.»

Bereut sie es? «Ich bereue es, weil ich eine Busse erhalten habe. Aber irgendjemand muss ja mal die Initiative ergreifen. Wir haben so viele dieser Krähen und so viele Leute leiden darunter – da muss man doch was machen können?»

Doch die Stadt kann kaum etwas machen. Und die Krähen schon gar nicht.

*Name geändert