LERAY.
Zettelchen-Diplomatie auf dem Spitalberg

Matthias Käser

ReportagePubliziert in:Bieler Tagblatt · ajour.ch·

Zettelchen-Diplomatie auf dem Spitalberg

Was tun mit dem bald ehemaligen Spitalareal? Im zweiten Echoraum durfte die Bevölkerung abermals ihre Meinung kundtun.

Die Stadt Biel hat am Mittwoch zum zweiten Mal zum Echoraum geladen und die Bevölkerung hat Folge geleistet. Die zentrale Frage lautet: «Was soll hier in Zukunft hinkommen?», wobei mit «hier» das Areal des heutigen Spitalzentrums gemeint ist, das 2031 nach Brügg ziehen soll.

Am 1. Juli fand der erste dieser Echoräume statt, dessen Erkenntnisse die Planerinnen und Stadtverwalter dann in einem Workshop vertieften und an diesem zweiten Echoraum präsentieren.

Doch zunächst wird der Prozess vorgestellt, man muss ja wissen, wo genau man sich in diesem befindet; ganz am Anfang. Bunte Pfeile werden auf die Leinwand gestrahlt, jeder ist beschriftet mit Worten wie «Potenzialstudie», «Planerlassverfahren» oder «Handänderung». Am Ende kommt das Baubewilligungsverfahren. Die Bevölkerung sitzt stumm da und hört zu. Sechs Ventilatoren surren im Raum und rotieren gemächlich im Halbkreis.

Was gefällt? Was nicht?

Vor der Leinwand sind Tische aufgestellt, wie bei Gruppenarbeiten in der Schule, acht Stühle pro Tisch. Darauf liegen Pläne. Mit denen wird jetzt aber noch nicht gearbeitet, zuerst darf die Bevölkerung zuhören, schliesslich muss sich das von der Stadt gewünschte Echo auf etwas beziehen.

Die Präsentierenden zeigen Wordclouds, in der Wörter je nach Anzahl Nennungen grösser oder kleiner sind. In der «Gefällt mir»-Wolke liest man Wörter wie «Aussicht», «Grünflächen» oder «Lage», bei «Gefällt mir nicht» liest man von Verkehr, Beton und Rendite-Erwartungen.

Das Planungsteam hat alle Erkenntnisse auf einer Folie zusammengefasst: Zukunftsfähig, innovativ, durchmischt und öffentlich soll das Quartier sein, so der Wunsch der Bevölkerung, und breite Zielgruppen und Milieus ansprechen. Der Wohnraum soll vielfältig sein, von klassisch bis experimentell, und die Themen Arbeit und Freizeit sollen ebenfalls mitgedacht werden. Und vieles mehr.

« In der Spitalgasse soll gewohnt, im Vogelsang gebildet und gewohnt und im Parkensemble ‹ökologisch vernetzt› werden. »

Mit Bestehendem arbeiten

Heute soll es konkreter werden. Zunächst wird gesagt, was nicht geht: Tabula rasa mit dem bestehenden Komplex mache wenig Sinn, da man bis ins Fundament, das tief im Berg steckt, rückbauen müsste. Als Beweis wird sogleich ein Bild eines Kellerraums im Spitalzentrum gezeigt, in den ein grosses Stück Jurafelsen hineinragt. Man müsse also mit «Potenzialräumen arbeiten, die sich aus dem Bestand ableiten».

Auf Deutsch heisst das: Das Gebiet wird in drei Zonen aufgeteilt. Eine ist der aktuelle Hauptgebäude-Komplex des Spitalzentrums, Arbeitstitel «Spitalgasse». Die zweite Zone befindet sich nordöstlich, trägt den Namen «Vogelsang», und umfasst Gebäude wie das Restaurant Beau Moment oder das Parkhaus. Die dritte Zone ist das «Parkensemble» im Nordwesten, heute eine Schafweide.

Diese Zonen haben unterschiedliche Schwerpunkte: In der Spitalgasse soll gewohnt, im Vogelsang gebildet und gewohnt und im Parkensemble «ökologisch vernetzt» werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicken wohlwollend. Die erste Hürde ist geschafft.

Zu Tisch, bitte

Man bittet zu Tisch – zu jenen mit den Plänen sowie zu jenen mit den Tomaten-Mozzarella-Sticks und Sandwiches. Letztere sind anfangs beliebter. Mit vollem Magen diskutiert es sich besser. Die Aufgabe der Bevölkerung lautet, bei jeder der drei Zonen mit roten, gelben und grünen Zettelchen zu notieren, was man für Inputs hat und ob man etwas gut findet oder eben nicht.

Endzwanziger diskutieren mit Langzeitpensionierten, an manchen Tischen ist man per Du, an anderen per Sie. Auf den Zetteln steht «Platz für Quartiertreff», «Verkehr wenn fertig?» oder «Keine Immobilien-Spekulation». Agglolac wird mehrmals erwähnt. Die Bevölkerung diskutiert über die richtige Mischung aus günstigen und Luxuswohnungen und welchen Einfluss dies auf das Leben im Quartier haben könnte.

« Hier werden alle für drei Stunden zu Stadt- und Quartierentwicklern. »

«Für mich ist es zu wenig organisch, mir fehlen die Verbindungen», hört man. Hier werden alle für drei Stunden zu Stadt- und Quartierentwicklern. Und man merkt, wer im Saal Politikerin oder Politiker ist. Es haben nämlich auch einige Stadtratsmitglieder den Weg ins Spitalzentrum gefunden. Nennen wir sie die Classe politique.

Wer wie diskutiert

Die Classe politique hat eine ganz andere Art zu diskutieren und zu argumentieren. Dort, wo mehrere dieses Standes an einem Tisch sitzen, wird die Diskussion oft je nach Couleur geführt, der Bevölkerung scheint eher eine kommentierende Rolle zuzukommen. Es fällt ein unterschiedlicher Ansatz auf: Während das Engagement des Volkes eher einem Brainstorming gleicht, ist die Classe politique oft im «Ich muss meinen Gegner von meiner Idee überzeugen»-Modus.

Während also an den Tischen über die Sinnhaftigkeit von Verbindungsstrassen und das Potenzial einer Schule diskutiert wird, wuseln die Verantwortlichen, von der Stadtpräsidentin bis zu den Planern, von Tisch zu Tisch und beantworten Fragen.

« Am Ende der offenen Diskussion fühlt man sich als Zuschauer fast wie nach einer Stadtratssitzung. »

Nach einer halben Stunde muss jede Gruppe ihre Erkenntnisse präsentieren. Drei Minuten haben sie dafür. Es brauche Geschäfte und bezahlbaren Wohnraum beim heutigen Hauptgebäude. Und keine Immobilienspekulation, nicht zu viel privatisieren, die öffentliche Nutzung soll möglich sein. Und was ist mit Verbindungsstrassen runter ins Quartier?

Steht jemand aus der Classe politique vorne, erinnern die Inputs stark an Voten aus dem Stadtratssaal: Es wird dann viel gestikuliert und sinngemäss oft gesagt: «Wir müssen das so machen», während die Voten des Volkes eher einem «Wir hatten folgende Idee» gleichen.

Vieles sei aber noch unklar. Die Aufteilung in drei Zonen und die Schwerpunkte dieser Zonen werden zwar gutgeheissen, aber: Wie bringt man hier effektiv Leben rein? Wie viel Autoverkehr, wenn überhaupt, soll möglich sein? Wie viele Wohnungen sollen hinkommen und wie werden diese durchmischt? Sind Läden und Schulen vorgesehen?

Kein Brainstorming

Am Ende der offenen Diskussion fühlt man sich als Zuschauer fast wie nach einer Stadtratssitzung. Hier werden Voten gehalten, Argumente gekontert und Kompromisse verhandelt. Der einen Seite wird Ideologie vorgeworfen, die andere schüttelt bei Nicht-Einverständnis energisch den Kopf und verdreht die Augen. Sollte der Echoraum einen Brainstorming-Charakter haben, hält er sich in dieser offenen Diskussion dank der Classe politique im Hintergrund.

Die Planer haben zum Ende die Aufgabe, das Gesagte zusammenzufassen. Sie schliessen, dass die Zonenaufteilung gut ankomme, aber es noch viele Fragezeichen gebe. Diese Erkenntnisse nehmen die Planer mit an ihre nächsten Workshops, Anfang nächsten Jahres soll etwas präsentiert werden.

Kurz vor 21 Uhr legt sich die Nacht über den Spitalberg und der Echoraum wird geschlossen. Die Ventilatoren rotieren noch immer. Viel Bewegung in der Luft heute Abend.